Strict Standards: Declaration of C_DataMapper_Driver_Base::define() should be compatible with C_Component::define($context = false) in /www/htdocs/w00e8f15/site/wp-content/plugins/nextgen-gallery/products/photocrati_nextgen/modules/datamapper/class.datamapper_driver_base.php on line 741






Das Paläon hält uns den Spiegel vor

Veröffentlicht am Donnerstag, 28. März 2013
Verfasst von Torben Knye 


schoeningen_palaeon_ausgrabungsstelleDie Finger triefen vor Fett, Soße tropft auf das Hemd – trotzdem lieben wir es, Hamburger mit den Händen zu essen. Der Rauch brennt in den Augen, die Kleidung riecht unangenehm nach verbranntem Fleisch und Holz – aber dennoch grillen die Menschen für ihr Leben gern. Womit kann man die Beliebtheit dieser archaisch anmutenden Handlungen begründen? Das paläon – Forschungs- und Erlebniszentrum Schöninger Speere erweckt in seiner interaktiven Ausstellung die ersten Bewohner Norddeutschlands zum Leben und zeigt, dass wir mehr mit ihnen gemein haben, als gedacht – unsere Wurzeln liegen in der Altsteinzeit.

Der Lebensalltag der Menschen während der Steinzeit unterscheidet sich deutlich von dem unseren: Er war geprägt von der ständigen Suche nach Nahrung und permanenter Wachsamkeit. Daran hat die Evolution den menschlichen Organismus über Millionen von Jahren angepasst. Die Neuzeit, in der wir nun leben, nimmt in der Evolutionsgeschichte des Menschen nur einen Wimpernschlag ein: Der Körper des Homo sapiens hat sich in den letzten hunderttausend Jahren so gut wie gar nicht verändert. Dies zeigt sich etwa bei der Ernährung: Fett war für die Jäger und Sammler überlebenswichtig, sie liefern wichtige Energie. Der Geschmackssinn passte sich an und war irgendwann in der Lage, Fett zu registrieren. Allerdings war die Suche nach Nahrung beziehungsweise die Jagd sehr energieaufwendig und es gab immer wieder Zeiten, in denen Nahrung knapp war. Heute muss der Mensch für das Besorgen von Nahrung kaum noch Energie aufwenden. Fettiges Esse n schmeckt uns aber weiterhin gut. Die Konsequenz: Fettleibigkeit ist eine weit verbreitete Zivilisationskrankheit.

Evolutionsmediziner erkennen in diesem Zusammenhang weitere negative Aspekte: Denn nicht nur körperlich, auch geistig gleichen wir dem Homo sapiens vor 100.000 Jahren. Kurz gesagt: Wir sind bei unserer Geburt nicht schlauer oder dümmer als unsere Vorfahren. Die Psyche des Menschen wurde über Jahrmillionen davon geprägt, in einer Gemeinschaft zu bestehen; man stand in der Regel nur mit Menschen im Wettbewerb, die man auch persönlich kannte – etwa bei der Partnersuche. In einer kleinen Gemeinschaft gilt: jeder Mensch setzt sich mit einer bestimmten Qualität von den anderen ab, jeder hat so seinen Platz in der Gesellschaft. Nun aber, in der anonymisierten Umwelt der Großstadt, gehen die Qualitäten des Einzelnen in der Masse unter. Evolutionsmediziner sehen diesen Umstand als große Herausforderung für das Gehirn an. Vielleicht rührt daher die Selbstdarstellungswut in den sozialen Netzwerken im Internet. Es könnt e aus diesem uralten Drang resultieren, seine Besonderheiten innerhalb einer Gemeinschaft hervorzuheben.

Auch bei anderen Verhaltensweisen scheint es Bezüge zu geben: An Besteck beispielsweise war zu paläolithischen Zeiten nicht zu denken – man aß mit den Händen. Auch heute ist es für viele ein Vergnügen, einen Hamburger oder andere Schnellgerichte mit der Hand zu essen. Ähnliches lässt sich aus dem unbewussten Hang, sich an öffentlichen Orten wie Restaurants mit dem Rücken zur Wand zu setzen, herleiten. Über Hunderttausende von Jahren war es der Mensch gewohnt, wachsam gegenüber Gefahren zu sein, die überall lauerten. Er fühlte sich sicherer, wenn er etwas Festes im Rücken hatte, sodass er wilde Tiere im Blick behalten konnte.

Um die Frage, wieweit sich Verhaltensweisen evolutionär ausgebildet und festgesetzt haben, hat sich ein ganzer Forschungszweig entwickelt. Die Soziobiologie untersucht die Mechanismen, wie sich bestimmte Verhaltensweisen im Laufe der Menschheitsgeschichte im Sozialverhalten implementiert haben. Doch auch wenn sich Verhaltensweisen auf den ersten Blick so einfach mit den Gegebenheiten verknüpfen lassen, mit denen der Mensch Jahrtausende konfrontiert war, ist die Soziobiologie doch heftig umstritten. Besonders auf menschliches Verhalten angewandt, eröffnet sie den Kritikern eine breite Angriffsfläche. Bestimmte Handlungsweisen würden Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts zugewiesen, Sexismus und die Unterdrückung anderer Völker würde so legitimiert. Dass Männer und Frauen oft unterschiedlich handeln, ist keine Frage – dass diese Unterschiede genetischen Ursprungs und evolutionär bedingt sind, ist unter W issenschaftlern mehr als umstritten. Unumstritten ist, dass der Körper des Menschen über viele hunderttausend Jahre hinweg durch das Leben als Jäger und Sammler geformt wurde – uns die Steinzeit also immer noch in den Knochen steckt.



Der Autor: Torben Knye Ι Alle Artikel vom Autor anzeigen

Weitersagen...