Strict Standards: Declaration of C_DataMapper_Driver_Base::define() should be compatible with C_Component::define($context = false) in /www/htdocs/w00e8f15/site/wp-content/plugins/nextgen-gallery/products/photocrati_nextgen/modules/datamapper/class.datamapper_driver_base.php on line 741






Die Schöninger Speere – Ein Überblick

Veröffentlicht am Samstag, 7. Juli 2012
Verfasst von Markus Haage 


Im Jahre 1995 fand man im ehemaligen Schöninger Tagebaugebiet die 400.000 Jahre alten “Schöninger Speere”, die bisher ältesten und vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit. Wissenschaftlich ist dies von besonderer Bedeutung und veränderte die Sichtweise auf den europäischen Urmenschen grundlegend, da es nun nachweisbar ist, das bereits der Homo heidelbergensis über kollektive Jagdfähigkeiten verfügte und kein, wie oftmals zuvor angenommen, Aasfresser gewesen ist.

Mit einer Ausnahme wurden alle Speere aus Kiefernholz angefertigt. Die Auswahl des Holzes ist nach derzeitigen wissenschaftlichen Stand auf die damaligen klimatischen Bedingungen und ihrer daraus resultierenden Flora zurückzuführen. Durch die jahrtausende Jahre andauernde Bedeckung von teils sehr feuchten Erdschichten, sind die Mehrzahl der bis zu 2,50 Meter langen Speere leicht verformt. Eine Rekonstruktion des Originalzustands mit modernsten Mitteln konnte allerdings nachweisen, dass die Speere heutigen Wettkampfspeeren absolut ebenbürtig sind. Sportler konnten mit den Rekonstruktionen bis zu 70 Meter weit werfen, was darauf schließen lässt, dass der Bau der Schöninger Speere auf jagdtechnische Erfahrung und einer kreativen Denkweise der Urzeitmenschen zurückzuführen ist.

Der Fundort der Speere (Schöningen 13/II Verlandungsfolge 4) ist einer von insgesamt dreizehn prähistorischen Fundorte im sogenannten Helmstedter Revier, dem Braunkohlentagebau Baufeld Süd, welches sich im Südteil des Landkreis Helmstedts erstreckt. Die Fundorte wurden von 1992 bis 2009 ausgegraben und erforscht.

Neben den Schöninger Speeren wurden weitere altsteinzeitliche Artefakte, wie Steingeräte und über 10.000 Tierknochen gefunden. Die meisten Knochen stammen vom Pferd, um genau zu sein vom Equus mosbachensis. Auch Knochen vom Rothirsch, sowie dem Wisent (Europäischer Bison), konnten ausgegraben werden. Die Funde befinden sich in einem vergleichsweise sehr guten Zustand. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Fundorte sich in ehemaliger Ufernähe befanden. Dadurch konnten vor allem die organischen Überreste schnell von Mudden (Sedimente, die in Seen abgelagert werden) bedeckt und somit natürlich konserviert werden.

Des Weiteren fand man zahlreiche Überreste von Kleinsäugern, Fischen, Mollusken und Insekten, welche aufgrund der guten Erhaltungsbedingungen einen unschätzbaren Einblick in die damaligen klimatischen Umweltbedingungen geben. Aus der Abfolge der sogenannten Verlandungszonen (die Bereiche an Gewässern, die sich im Übergang von den amphibischen zu den terrestrischen Lebensbereichen befinden) ist eine sehr schnelle Abfolge von klimatischen Veränderungen von einer warmtrockenen Phase mit lichten Laubwäldern zu einer Kältesteppe ablesbar.

Neben den Speeren und den Tierknochen fand man des Weiteren mehrere einzigartige Holzartifakte, wie die sogenannten Klemmschäfte, die wahrscheinlich als Schäftung für Steinklingen dienten. Sollte diese Interpretation der Wissenschaftler richtig sein, so handelt es sich hierbei um die ältesten Kompositwerkzeuge der Menschheitsgeschichte.

Die Tatsache, dass eine große Anzahl an verarbeiteten Tierresten gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass die Fundorte die Tatorte einer Großwildjagd gewesen sein müssen. Ist dies tatsächlich der Fall (und alle Indizien lassen darauf schließen), dann erhöht dies die Bedeutung der Schöninger Speere umso mehr. Dies wäre der Beleg für eine Großwildjagd der Urzeitmenschen – und diese setzt wiederum ausgefeilte Jagdstrategien und komplexe Sozialgefüge vorraus, die natürlich auf tiefergehende Formen der Kommunikation basieren müssen.

Wie eingangs erwähnt, veränderte dies das Bild des frühen Menschen nachhaltig, da mit dem Fund nachgewiesen werden konnte, dass der Homo heidelbergensis (eine ausgestorbene Hominiden-Art der Gattung Homo erectus, die sich vor etwa 200.000 Jahren in Europa zum Neandertaler weiterentwickelte) ein aktiver Jäger mit allen dazu genannten Attributen und Voraussetzungen gewesen sein muss. Die Menschheitsgeschichte musste nach dem Fund neu geschrieben werden.

Im Frühjahr 2013 wird unweit der Fundstelle das sogenannte Paläon, das Forschungs- und Erlebniszentrum rund um die Schöninger Speere, eröffnet werden, welches auch die Originalfunde in einer erlebnisorientierten, modernen Ausstellung präsentieren wird.

Aktuelle Informationen zum Paläon finden sie auf der offiziellen Website www.palaeon.de

Text-Quelle:
Hartmut Thieme, Reinhard Maier (Hrsg.): Archäologische Ausgrabungen im Braunkohlentagebau Schöningen. Landkreis Helmstedt, Hannover 1995.
Hartmut Thieme: Die ältesten Speere der Welt – Fundplätze der frühen Altsteinzeit im Tagebau Schöningen. In: Archäologisches Nachrichtenblatt 10, 2005, S. 409-417.
Voormolen B. 2008: Ancient Hunters, Modern Butcher Schöningen 13II -4, a kill-butchery site dating from the northwest European Lower Palaeolithic. Leiden
Musil R. 2007: Die Pferde von Schöningen: Skelettreste einer ganzen Wildpferdherde. In: Thieme H. (Hrsg.): Die Schöninger Speere – Mensch und Jagd vor 400 000 Jahren. S. 136-140, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart
Thieme H. 2007: Warum ließen die Jäger die Speere zurück? In: Thieme H. (Hrsg.) 2007: Die Schöninger Speere – Mensch und Jagd vor 400 000 Jahren. S. 188-190 Konrad Theiss Verlag, Stuttgart
Urban B. 2007: Interglacial Pollen Records from Schöningen, North Germany. In: F. Sirocko et al. (ed.): The Climate of Past Interglacials. In: Development in Quaternary Science, Band 7, S. 417-444
Thieme H. 1999: Altpaläolithische Holzgeräte aus Schöningen, Lkr. Helmstedt. In: Germania, Band 77
Thieme H. 2007. Der große Wurf von Schöningen: Das neue Bild zur Kultur des frühen Menschen. In: Thieme H. (Hrsg.) 2007: Die Schöninger Speere – Mensch und Jagd vor 400.000 Jahren. S. 224-228 Konrad Theiss Verlag, Stuttgart
Bild-Quellen:
Fotoarchiv Markus Haage
http://www.palaeon.de/ (zuletzt abgefragt am 16. Juli 2012)


Markus Haage
Der Autor: Markus Haage Ι Alle Artikel vom Autor anzeigen

2011 gründete ich diese Seite, um nicht nur Schöningern eine Plattform zu geben, ihre Geschichten aus unserer Stadt zu erzählen, sondern auch um Außenstehende auf die Stadt der Speere aufmerksam zu machen. Wenn ich nicht gerade an Mein-Schoeningen.de werke, arbeite ich theoretisch als auch praktisch im Filmbereich. Der professionelle Bierausschank liegt mir übrigens auch sehr gut - was allerdings fast schon familiär bedingt ist. Komme ich doch aus einer (sehr) alten Gastwirtsfamilie, deren Wurzeln bis weit in das 18.Jahrhundert zurückgehen...
Weitersagen...